Lohnende Gemeinschaft

Predigt über Matthäus 10,40 – 11,1 zum Trinitatisfest

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Letzte Woche stand folgende Nachricht in der Zeitung: Eine junge arabische Mutter war in Israel verunglückt. Sie kam zusammen mit ihrem Baby ins Krankenhaus, aber wegen ihrer Verletzungen konnte sie das Baby nicht stillen. Man versuchte, das Baby mit der Flasche zu füttern, aber es trank nicht, denn es war nur das Stillen gewohnt. Schließlich konnte eine israelische Kranken­schwester helfen, die selber einen Säugling hatte: Sie stillte das Kind der Araberin. So gelang in einer kleinen zwischen­menschlichen Situation, was der großen Politik seit Jahrzehnten nicht gelingen will: ein friedliches und freundschaft­liches Miteinander von Juden und Arabern. Es lohnt sich, wenn Menschen einander annehmen und helfen.

Gute Gemeinschaft lohnt sich immer. Da gibt es zum Beispiel deutsche Familien, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben, und beide Seiten äußern sich begeistert: Es ist eine gegenseitige Be­reicherung, und man kann viel voneinander lernen. Da gibt es gute Menschen, die ihr Haus für Pflegekinder öffnen und ihnen dieselbe Liebe zuteil werden lassen wie ihren eigenen Kindern. Da gab es in der Hitlerzeit un­erschrockene Menschen, die Juden bei sich versteckten und auf diese Weise vor dem Konzentrations­lager bewahrten. Da gab es in biblischen Zeiten Menschen, die gast­freundlich waren und Reisende bei sich aufnahmen, damit diese nicht den Unbequemlich­keiten und Gefahren einer Nacht im Freien ausgesetzt waren. Da gab es eine Witwe in Zarepta, die bei einer Dürre­katastrophe ihre letzten Vorräte mit dem hungrigen Propheten Elia teilte. Und da gibt es unzählige weitere Beispiele aus alter und neuer Zeit, wie Menschen andere aufgenommen und sich ihrer angenommen haben.

Ja, gute Gemeinschaft lohnt sich immer. Manchmal, so lesen wir im Hebräer­brief, haben Gastgeber auf diese Weise unwissend sogar Engel beherbergt (Hebräer 13,2). Und wenn Jesu Jünger bedürftigen Glaubens­brüdern helfen, dann gilt für sie das Wort des Herrn: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Von eben diesen hilfe­bedürftigen Glaubens­brüdern hat Jesus auch in dem Wort am Ende unseres Predigt­textes gesprochen. Er sagte zu seinen Jüngern: „Wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“

Jesus sagte das zu einem Zeitpunkt, als er die zwölf Apostel in eine Situation entließ, wo sie auf die Hilfe anderer angewiesen waren. Für eine Weile sollten sie selbst­ständig umherziehen und das Kommen von Gottes Reich ankündigen; Jesus wollte unterdessen allein predigen. Die Jünger sollten kein Geld und kein Reisegepäck mitnehmen; sie sollten auf die Gast­freundschaft der Menschen in Israel angewiesen sein. Jesus baute darauf, dass sie überall Leute finden würden, die sie in ihre Häuser aufnehmen. Und er verhieß diesen Gastgebern einen besonderen Lohn, also einen besonderen Segen.

Jesus sagte seinen Jüngern, als er sie aussandte: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf…“ Das war den Menschen damals wahr­scheinlich viel ein­leuchtender als den heutigen Menschen. Wenn man damals jemandem in der Ferne etwas mitteilen wollte, dann benutzte man kein Telefon und schrieb normaler­weise auch keinen Brief, sondern dann schickte man einen Boten. Der Bote richtete dann mündlich das aus, was der Aussendende ihm aufgetragen hatte; die Anwesenheit des Boten galt wie die Anwesenheit des Aus­sendenden. Man konnte sich darauf verlassen: Das Wort im Munde des Boten gilt ebenso zuverlässig, als wenn der Aussendende selbst gegenwärtig ist. Wenn wir heute die Stimme von irgend­jemandem am Telefon hören, dann denken wir ja auch nicht, dass das Telefon spricht, sondern wir wissen, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung spricht. Das gilt in ganz besonderer Weise von den zwölf Aposteln: Als sie umherzogen und in Gottes Reich einluden, konnten die Menschen sicher sein, dass Jesus selbst sie einlädt durch seine be­vollmächtig­ten Boten. Und auch wir können heute sicher sein: Wenn wir die Botschaft der Apostel im Neuen Testament hören beziehungs­weise lesen, dann hören wir da nichts anderes als die Stimme unseres Herrn Jesus Christus. So erfüllt sich noch heute Jesu Wort an die Apostel: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf…“

An dieser Stelle merken wir, dass das Wort „aufnehmen“ eine doppelte Bedeutung hat: Es geht einmal darum, dass Menschen die Boten des Herrn Jesus Christus beherbergen und ihnen zu Essen geben; damit helfen sie ihnen und erweisen ihnen gast­freundschaft­liche Nächsten­liebe. Zum andern aber geht es darum, dass die Gastgeber die Botschaft der Apostel aufnehmen: Sie hören zu, wenn die Apostel vom Reich Gottes reden; sie sind offen für diese Botschaft. Und wenn sie in diesen Predigten zur Umkehr aufgerufen werden, dann lassen sie es sich gesagt sein und glauben Gottes Ver­heißungen. Martha und Maria, die beiden Schwestern aus Betanien, haben diese doppelte Bedeutung anschaulich gemacht, als sie Jesus und seine Jünger in ihr Haus aufnahmen: Martha diente ihnen und bewirtete sie; Maria setzte sich zu Jesu Füßen und nahm seine Worte in sich auf. Beides hat seinen guten Sinn, wobei Jesus Marias Verhalten besonders hervor­gehoben hat.

So ist das bis zum heutigen Tag mit dem Christen­leben: Grundlegend wichtig ist, dass wir Jesu Botschaft in uns aufnehmen, dass wir also Gottes Wort Glauben schenken, es gerne hören und lernen. Dieser Glaube aber wirkt sich dann so aus, dass wir uns anderer Menschen liebevoll annehmen und sie, wo es nötig es, bei uns aufnehmen – in dem Wissen, dass wir in den geringsten Brüdern und Schwestern unserm Herrn Jesus selbst dienen. Dieselbe doppelte Bedeutung steckt im Wort „Gottes­dienst“: Einmal dient der Herr Jesus Christus uns mit seinem Wort und Sakrament; er leitet uns zur Umkehr, vergibt uns unserer Schuld und schenkt uns seinen Segen; beim Heiligen Abendmahl nehmen wir ihn sogar buchstäblich in uns auf. Daraus folgt dann zum andern unser Dank und Lobpreis, mit dem wir dem Herrn dienen. Dadurch erfahren wir gesegnete Gemeinschaft mit Gott – eine Gemein­schaft, die sich lohnt!

Solche Gemeinschaft im Empfangen und Geben, im Hören und Dienen macht das Wesen des christlichen Glaubens aus. Wie die Apostel einst mit ihrem Meister in solcher Gemeinschaft verbunden waren, so sind wir mit unserem Herrn Jesus Christus verbunden – und zwar als Kirche und Gemeinde, also als Leute, die auch unter­einander in dieser Weise verbunden sind.

Das Wesen dieser Gemeinschaft können wir an Gottes Dreieinig­keit ablesen. Damit sind wir beim Thema des Trinitatis­festes angelangt, dem Fest der heiligen Dreifaltig­keit. Grundlegend ist die Tatsache, dass es nur einen einzigen Gott gibt; alle anderen Götter sind eingebildete Götzen. Wer dieser eine Gott ist und wie er ist, kann kein Mensch mit seinem Verstand herausfinden oder begreifen; vieles von ihm bleibt daher im Dunkeln. Wir können nur das von Gott wissen, was er uns von sich wissen lässt. Dazu gehört die Tatsache, dass er sich uns dreifach offenbart: erstens als Vater beziehungs­weise Schöpfer, zweitens als Sohn Jesus Christus und drittens als Heiliger Geist. So sind wir ja auch nach Christi Gebot getauft worden: im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (Matth. 28,19).

Warum hat Gott gerade dies von sich offenbart? Die Antwort: Weil er sich nicht als Gott der Einsamkeit zeigen wollte, sondern als Gott der Gemein­schaft. Wir hören in der Bibel, wie der Vater den Sohn mit der Erlösung der Menschheit beauftragt hat und wie der Sohn diesen Auftrag gehorsam ausgeführt hat. Wie hören, dass der Sohn den Vater um manches bittet. Wir hören, wie der Heilige Geist vom Vater ausgeht und Menschen mit seinen Gaben erfüllt. Wir hören, dass der Vater dem Sohn nach seiner Himmelfahrt alle Regierungs­vollmacht im Himmel und auf Erden übertragen hat. Wie hören, dass der Sohn zu Pfingsten den Heiligen Geist gesandt hat, damit die Apostel das Evangelium in vielen Sprachen verkündigen. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist reden miteinander, hören aufeinander, handeln aneinander, haben Gemeinschaft miteinander – so zeigt es uns die Bibel in vielfältiger Weise. Trotzdem ist es nur der eine Gott, aber ein Gott der Gemein­schaft, uns zum Vorbild – eben der drei-eine Gott.

Jesus hat das mit seiner Rede vom Aufnehmen der Jünger ganz deutlich gemacht. Im Wort der Jünger ist der Heilige Geist am Werk. Wir können sicher sein: Wenn wir das Wort der Apostel aus der Bibel vertrauens­voll bei uns aufnehmen, dann kommt der Heilige Geist zusammen mit diesem Wort zu uns. Zugleich aber kommt mit dem Geist und mit dem Apostelwort der Herr Jesus Christus selbst zu uns. Er hat ja zu den Apostel gesagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf…“ Aber der Satz geht noch weiter: „… und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat“ – also den himmlischen Vater! Die Botschaft des Evangeliums, von der die Kirche lebt, macht den dreieinige Gott bei uns gegenwärtig. Während wir jetzt hier gerade ein Wort aus dem Matthäus-Evangelium hören und betrachten, nehmen wir damit den Apostel Matthäus bei uns auf; durch ihn aber den Heiligen Geist, der ihm diese Worte eingegeben hat; durch den Geist aber den Herrn Jesus Christus, der ihn den Apostel gegeben hat; durch den Herrn Jesus Christus aber den Vater im Himmel, der seinem Sohn alle Macht im Himmel und auf Erden übergeben hat. Und wenn wir den dreieinigen Gott auf diese Weise in unser Leben aufnehmen, dann bekommen wir dadurch Freudigkeit, auch andere Menschen aufzunehmen und sie an Gottes Liebe teilhaben zu lassen.

Wir werden gewisser­maßen hinein­genommen in die Gemeinschaft des dreieinigen Gottes und zugleich berufen, auch andere mit in sie hinein­zunehmen. Es ist eine Gemeinschaft des Vertrauens und der Liebe: eine gute Gemeinschaft – die beste, die es gibt. Gute Gemeinschaft aber lohnt sich immer. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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