Lieber dienen als herrschen

Predigt über Matthäus 20,17-28 zum Sonntag Judika

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Hans und Klaus befinden sich im Fußball­stadion vor einem Länderspiel. Auf der Ehrentribüne sitzt der Bundes­präsident. Er wird über Lautsprecher begrüßt. Alle klatschen. Hans sagt zu Klaus: Der hat es gut, der brauchte bestimmt nicht lange nach einer Eintritts­karte anzustehen. Klaus erwidert: Der hat überhaupt keine Karte nötig, der kommt umsonst rein. Hans sagt: Und im Stau stand er auch nicht, der hat seine Polizei-Eskorte. Klaus sagt: Er musste auch nicht lange vor dem Eingang warten und wurde bestimmt nicht durchsucht. Hans sagt: Jetzt sitzt er auf einem Polstersitz auf der Ehrentribüne mit viel Bein­freiheit. Klaus sagt: Und wir haben gerade mal Stehplätze ergattert. Hans sagt: Ja, die VIPs haben es gut. Klaus fragt: Die was? Hans sagt: Die VIPs; das bedeutet „very important persons“, „sehr wichtige Personen“; so nennt man die hohen Herr­schaften, die auf Ehren­tribünen sitzen. Wir merken: Hans und Klaus sind ein wenig neidisch auf den Bundes­präsidenten und seinen Ehrenplatz im Stadion.

Dieselbe Art von Neid ist von zehn Jüngern Jesu überliefert. Damit springen wir mitten hinein in unsern Predigttext. Wenn man einen Bibeltext bedenkt, muss man ja nicht immer am Anfang anfangen, manchmal kann man auch von hinten beginnen oder eben mitten hinein­springen. Da heißt es also mitten in unserm Bibeltext: „Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder.“ Gemeint sind Johannes und Jakobus, die beiden Söhne des Zebedäus. Die wollten nämlich in Gottes Reich gern auf der Ehrentribüne sitzen, und darüber ärgerten sich die anderen zehn Jünger.

Nun schauen wir uns mal genau an, was voraus­gegangen war. Johannes und Jakobus hatten gemerkt, dass Jesus bei bestimmten Gelegen­heiten nur sie und Simon Petrus mitnahm. Die Sonderrolle gefiel ihnen. Sie dachten, dass Jesus sie damit besonders ehrt. Nun wollten sie diese Ehren­stellung für die Zukunft absichern. Sie stellten sich vor, dass Jesus bald als König von Israel groß herauskommen würde. Dann würde er wie alle anderen König auf einem hohen Thron sitzen, und seine engsten Vertrauten würden auf etwas niedrigeren Thronen neben ihm sitzen. Johannes und Jakobus hatten nun den Ehrgeiz, die besten Plätze zu ergattern: Sie wollten direkt links und rechts neben Jesus sitzen. Dass es dann keine dritte Seite für Petrus geben würde, störte sie offenbar nicht. Dieser Ehrgeiz führte dazu, dass Johannes und Jakobus bereits jetzt schon diese Plätze für sich resevieren wollten. Aber sie sagten sich: Wenn wir direkt selbst für uns bitten, dann macht das einen un­verschämten Eindruck. Wir wollen lieber jemand anders vorschicken; am besten jemand, der für unser Anliegen Verständnis hat; am besten jemand, den Jesus wohlwollend anhören wird; am besten eine Frau mit dem nötigen Einfühlungs­vermögen; am besten unsere Mutter. So kam es, dass Frau Zebedäus eines Tages zu Jesus ging, sich tief vor ihm verneigte und höflich den Wunsch äußerte, eine Bitte vortragen zu dürfen. Diese Bitte lautete dann: „Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich einen zu deiner Rechten und den anderen zu deiner Linken.“

Nun ist Jesus niemand, der sich auf solche Spielchen einlässt. Ohne Umschweife wendete er sich mit seiner Antwort deshalb direkt an Johannes und Jakobus. Die wollten ja eigentlich die Ehrenplätze, nicht ihre Mutter. Zwei Dinge machte er ihnen klar: Erstens kann er keine Ehrenplätze in Gottes Reich vergeben, sondern sein himmlischer Vater wird sie zu gegebener Zeit so besetzen, wie er es für richtig hält. Zweitens sollten sich die beiden Jünger nicht mit zukünftigen Ehrenplätzen be­schäftigen, sondern mit zukünftigen Leiden. Jesus sagte ihnen: „Ihr werdet meinen Kelch trinken.“ Und damit meinte er: Ihr werdet für das Reich Gottes leiden müssen, so wie ich dafür leiden muss. Das hat Jesus seinen Jüngern immer wieder gesagt: Wer mir nachfolgen will, muss sich selbst verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen. Und: Wer sein Leben verliert um meinet­willen, der wird es finden.

Wir lernen daraus: Kein Christ sollte sich um Ehrenplätze im Himmel sorgen, auch nicht um Ehrenplätze auf Erden. Niemand sollte erwarten, dass er für ein frommes Leben oder für aufopfernde Nächsten­liebe besonders belohnt wird. Keiner sollte für seinen Einsatz in Kirche und Gemeinde irgendeinen Dank erwarten. Dass wir zur Mannschaft von Jesus gehören und mitarbeiten dürfen, das ist bereits an sich ein großer Lohn. Und wenn wir für unsern Glauben leiden müssen, dann ist das ein besonderes Zeichen, dass wir seine Jünger sind. Als die Apostel später wegen ihres Glaubens dann tatsächlich verfolgt wurden, haben sie es als Auszeichnung empfunden, dass sie für ihren Herrn leiden durften. Der Leidenskelch der Jesus­nachfolge ehrt den Jünger, nicht irgendein Ehrenplatz.

Als Jesus den beiden Zebedäus-Söhnen diese Lektion erteilt hatte, wurden die anderen zehn Jünger, wie gesagt, unwillig. Sie werden gesagt oder wenigstens gedacht haben: Was fällt Johannes und Jakobus eigentlich ein? Die wollen wohl was Besseres sein als wir! Die Zehn freuten sich natürlich darüber, dass Jesus den beiden eine Abfuhr erteilte. So fühlten sie sich im Recht mit ihrer Entrüstung. Vielleicht erwarteten sie sogar, dass Jesus sie darin bestärkte und sagte: Ich bin auch ganz schockiert von dem Ansinnen der beiden; bloß gut, dass ihr anders denkt.

Aber Jesus lobte die Zehn nicht. Im Gegenteil: Auch sie bekamen ihr Fett weg. Jesus machte ihnen deutlich, dass sie in ihrer Empörung nicht besser sind als die Zebedäus-Söhne. Sie fühlten sich ihnen nämlich moralisch überlegen und be­anspruchten damit sozusagen den Ehrenplatz der „besseren“ Jünger. Darum sagte Jesus ihnen: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern, wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“

In Gottes Reich geht es genau umgekehrt zu wie in der Welt. Wer in Gottes Reich groß sein will, der muss die Karriere­leiter nicht hinauf‑, sondern hinab­steigen. Wer in Gottes Reich groß sein will, der soll nicht nach Ehrenplätzen Ausschau halten, sondern nach Aufgaben, wo er sich im Dienst an Gott und den Menschen aufopfern kann. Wer in Gottes Reich groß sein will, der soll nicht herrschen, sondern dienen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind mitten hinein­gesprungen in unseren Bibeltext. Wir haben bei dem Unwillen der zehn Jünger über Johannes und Jakobus angesetzt. Wir haben gesehen, wie Jesus vorher diesen beiden Zebedäus-Söhnen ihre Lektion erteilt hat und danach auch den übrigen zehn Jüngern. Für alle Zwölf und überhaupt für alle Jesus-Jünger bis zum heutigen Tag ist es ein und dieselbe Lektion: In Gottes Reich ist nicht der am größten, der sich nach Macht und Ehrenplätzen drängelt, sondern der, der allen dienen will. Diese Lektion steht wiederum in einem wunderbaren Rahmen. Eigentlich ist er mehr als ein Rahmen, eigentlich ist er das Wichtigste an der ganzen Geschichte. Bevor die Zebedäus-Söhne mit ihrer Bitte kamen, sprach Jesus davon, dass er leiden, sterben und auferstehen wird. Mit anderen Worten: Er wird sich im Dienst an den Menschen und im Gehorsam an seinem himmlischen Vater aufopfern, und der wird ihn dann erhöhen. Am Ende unseres Abschnitts spricht Jesus noch einmal von sich selbst und sagt, dass „der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Auch da geht es darum, dass Jesus nicht in die Welt gekommen ist, um Macht und Ehrenplätze anzustreben, sondern um den Menschen zu dienen. Ohne diesen Dienst Jesu wären wir nicht erlöst und keine Jünger, sondern in Sünden tot. Ohne diesen Dienst Jesu würden wir bedenkenlos nach Macht und Ehrenplätzen streben, würden nach Dank und Anerkennung schielen. Mit diesem Dienst Jesu aber stehen wir in dem wunderbaren Rahmen, in dem auch seine damaligen Jünger standen: im Rahmen von Gottes Reich nämlich, das Jesus uns erworben hat. In diesem Reich hat niemand Anerkennung, Macht und Ehrenplätze nötig, sondern in diesem Reich ist es das Größte und Schönste, liebevoll zu dienen. Wenn der himmlische Vater das dann mit einem Ehrenplatz im Himmel belohnt, kann man sich darüber freuen, aber niemand soll das von sich aus anstreben, es ist Gottes freie Ent­scheidung.

Ich komme zum Schluss noch einmal auf Hans und Klaus im Fußball­stadion zurück. Hans sagt zu Klaus: Weißt du, ich möchte gar nicht auf der Ehrentribüne zu sitzen wie der Bundes­präsident. Wichtig ist mir einfach dabei zu sein, auch wenn ich nur einen Stehplatz habe. Wir aber sagen mit Psalm 84: „Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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