Wie kann man ewig leben?

Predigt über Matthäus 19,16-26 zum Sonntag Septuagesimä

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Von allen Seiten wird uns ans Herz gelegt, dass wir an die Zukunft denken sollen: Umwelt­schützer, Politiker und Versicherungs­unternehmen sprechen immer wieder davon, dass wir Vorkehrungen treffen sollten für das, was auf uns zukommt. Schon Schulkinder werden im Hinblick auf das zukünftige Berufsleben ermahnt, fleißig zu lernen. Schon junge Erwachsene sollen an ihre Rente denken. Voraus­schauend und weitsichtig leben, das ist die Devise. Und ich denke, wir stimmen darin überein: Das ist gar nicht schlecht – besser jedenfalls als leichtsinnig in den Tag hineinleben. Wenn man aber schon an die Zukunft denkt, dann sollte man es richtig tun, dann sollte man auch über das Ende des Erdenlebens hinaus an die Ewigkeit denken. Ja, das ist sogar die wichtigste aller Zukunfts­fragen: Wie kann ich ewig selig werden? Wie komme ich in den Himmel? Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben habe?

Diese gute und wichtige Frage trieb auch den jungen Mann um, von dem wir im Predigttext gehört haben. Er wandte sich mit dieser wichtigsten aller Zukunfts­fragen genau an die richtige Adresse, an den Herrn Jesus Christus nämlich. Er trat zu ihm und fragte: „Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?“ Lasst uns einmal so tun, als ob wir selbst das wären, die mit dieser Frage zu Jesus kommen. Lasst uns mit unserm Heiland ins Gespräch kommen über unsere Zukunft und darüber, was wir tun müssen, damit diese Zukunft am Ende gut wird.

Jesus antwortet mit einer Gegenfrage: „Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer.“ Na klar, gut ist nur Gott; wir Menschen sind Sünder. Es steht ja schon im ersten Buch der Bibel: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose 8,21). Aber ist Jesus nicht auch gut? Jesus ist doch kein Sünder, er ist doch Gottes Sohn. Jesus hat offenbar einen bestimmten Grund, dass er bei der Frage nach dem Guten von sich selbst weg auf seinen himmlischen Vater verweist. Unsere Frage lautet ja nicht: Wer verhält sich gut?, sondern die Frage lautet: Was soll ich Gutes tun? Genauer: Wo finde ich den rechten Maßstab für gutes Verhalten? Da verweist Jesus auf seinen himmlischen Vater. Denn der eingeborene Sohn hat sich dem Vater völlig unter­geordnet, er ist ihm völlig gehorsam. Jesus will nicht eigenmächtig selbst den Maßstab für gut und böse setzen, sondern er richtet sich nach dem Maßstab des Vaters. Wenn es nicht so wäre, dann würde Jesus ja mit dem Vater konkurrieren und dann wären sie nicht mehr eins.

Jesus gibt hier die Richtung vor, wo wir eine verbindliche Antwort finden auf unsere Frage: „Was soll ich Gutes tun?“ Der Vater im Himmel setzt nämlich die Norm für gut und böse. Wenn er sagt: Das ist gut, das tue!, dann ist das aus diesem Grund auch gut; und wenn er sagt: Das ist böse, das lasse!, dann ist das aus diesem Grund auch böse. Der himmlische Vater hat schon lange vor Jesu Erdentagen gesagt, was gut und böse ist; mit den Zehn Geboten hat er es getan. Darum überrascht es nicht, wenn Jesus fortfährt: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Wer sich nach den Zehn Geboten richtet, der wird leben, so hat Gott es un­missverständ­lich gesagt. Und wenn heute viele Leute das anders sehen und meinen, man braucht die Zehn Geboten nicht besonders ernst zu nehmen, dann ist diese Meinung nicht gut, sondern böse. So einfach ist das.

Dem jungen Mann damals und auch vielen Christen ist diese Antwort zu einfach. Das soll alles sein – die Gebote halten? Wirklich nur die berühmten Zehn Gebote? Oder vielleicht nicht doch noch andere Gebote, die sich aus der Bibel herauslesen lassen? So fragen wir Jesus mit dem jungen Mann kurz und knapp: „Welche?“ Ja, welche Gebote sind denn wirklich so wichtig, dass von ihnen das ewige Leben abhängt?

Da nennt Jesus einige der Zehn Gebote: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter…“ Es sind nach unserer Zählung die Gebote vier bis zehn in etwas ab­gewandelter Reihenfolge. Wer im Konfirmanden­unterricht aufgepasst hat, der weiß: Es sind Gebote der sogenannten „zweiten Tafel“. Man kann die Zehn Gebote nämlich in zwei Teile gliedern: Die Gebote eins bis drei handeln vom Verhalten des Menschen gegenüber Gott, die Gebote vier bis zehn handeln vom Verhalten des Menschen gegenüber seinem Nächsten. Für jeden dieser beiden Teile beziehungs­weise für jede dieser „Tafeln“ gibt es ein zusammen­fassendes und über­geordnetes Gebot; beide zusammen bilden das sogenannte „Doppelgebot der Liebe“, das Jesus als das größte bezeichnet hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt… Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matth. 22,37‑39). Offenbar nennt Jesus in seiner Antwort an den jungen Mann ganz bewusst nur die Gebote der zweiten Tafel, denn am Ende sagt er ihm zusammen­fassend auch nur die zweite Hälfte des Doppelgebots der Liebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die erste Hälfte lässt er weg, ebenso wie die ersten drei Gebote: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen. Du sollst den Feiertag heiligen.“

Warum lässt Jesus die erste Hälfte der Gebote weg, wenigstens zunächst? Ist das nicht die wichtigere Hälfte? Und ist das nicht auch die schwierigere Hälfte? Genau das ist der Grund: Jesus will uns Schritt für Schritt an die richtige Antwort heranführen. Er ist ein guter Lehrer, ein guter Rabbi, der erst mit den einfachen Lektionen beginnt und dann zu den schwie­rigeren fort­schreitet. Der junge Mann antwortet: „Das habe ich alles gehalten.“ Er will damit sagen: Ich bin ein anständiger Mensch. Ich töte nicht, ich stehle nicht, ich lüge nicht, ich bin meiner Frau treu, ich kümmere mich um meine alten Eltern. So könnten auch heute viele Menschen antworten, sogar solche, die sich nicht direkt als Christen bezeichnen würden. Aber sie halten sich für besser als viele von denen, die „jeden Sonntag in die Kirche rennen“, wie manche gering­schätzig sagen. Ober­flächlich betrachtet, sind die Gebote der zweiten Tafel durchaus schaffbar, und sie werden auch von vielen geschafft. Aber wenn man sie mal genau im Licht des zusammen­fassenden Gebots betrachtet: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, dann sieht es anders aus. Martin Luther hat in seinen Gebots-Erklärungen im Kleinen und Großen Katechismus näher ausgeführt, was diese Gebote im Licht der Nächsten­liebe alles bedeuten. Auch Jesus selbst hat in der Bergpredigt den wahren Sinn der Gebote erklärt. Da hat er zum Beispiel deutlich gemacht, dass Ehebruch bereits mit einem lüsternen Blick eines ver­heirateten Menschen auf jemand anderes beginnt. Wenn wir die Gebote der zweiten Tafel ganz ernst nehmen, dann scheitern wir an ihnen und müssen erkennen: So kriegen wir das ewige Leben nicht.

Der junge Mann hat das nicht erkannt, und darum fragt er weiter: „Was fehlt mir noch?“ Da sagt Jesus: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“ Beachten wir, dass es zwei Dinge sind, die Jesus von dem Mann fordert: erstens das ganze Vermögen verschenken, zweitens Jesus nachfolgen. Beides zusammen ergibt das Doppelgebot der Liebe, angewandt auf die Lebens­situation des Mannes: Gott über alles lieben heißt in dieser Situation mit Jesus mitziehen, denn enger konnte man zu der Zeit nicht an Gott dran sein. Und den Nächsten lieben wie sich selbst heißt in dieser Situation allen Besitz den Armen geben, die damals ganz auf die Mild­tätigkeit anderer angewiesen waren. Nicht nur die zweite Hälfte, sondern beide Hälften des Doppelgebots erfüllen, darauf kommt es an! Nicht nur nach der zweiten Tafel der Zehn Gebote leben, sondern auch nach der ersten, das ist wichtig! Keine halben Sachen machen, sondern vollständig Gottes Willen erfüllen! Vollkommen sein im Tun des Guten! „Willst du vollkommen sein…“, so hat Jesus seine Antwort eingeleitet. Damit meint er nicht: Falls du ein Superfrommer werden möchtest, falls Religion deine große Leidenschaft ist, falls du ein Perfektio­nist bist… Nein, Jesus fordert von allen, dass sie vollkommen sind, nämlich so vollkommen gütig und liebevoll wie sein Vater im Himmel. In der Bergpredigt lehrte er: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5,48). Spätestens jetzt müssen alle es erkennen, und auch der junge Mann erkennt es: So kriegen wir das ewige Leben nicht. Vollkommen lieben wie Gott – das schafft keiner.

Das Gespräch mit dem jungen Mann endet hier. Es heißt dann noch: „Als der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.“ Ein Reicher muss sich von vielem trennen, wenn er Nächsten­liebe üben und Jesus nachfolgen will, und das fällt ihm sehr schwer. Jesus gab dazu den bemerkens­werten Kommentar: „Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen… Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ Jesus lässt den Mann gehen; er ruft ihm nichts hinterher. Wohl aber werden Jesu Gedanken und Gebete diesen jungen Mann weiter begleitet haben.

Wir aber bleiben bei Jesus und fragen weiter: Wenn nun eigentlich keiner arm genug ist, um das Gute tun zu können, das der Vater im Himmel mit seinen Geboten fordert, wie kann dann überhaupt jemand selig werden? Auch die Jünger fragten ihn damals so: „Ja, wer kann dann selig werden?“

Jesu Antwort darauf ist die eigentliche und endgültige Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?“, und sie ist somit das Wichtigste in diesem Bibel­abschnitt. Jesus selbst hat das deutlich gemacht, indem er seine Jünger dabei intensiv ansah. Dann sagte er: „Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ Was hat das zu bedeuten? Noch einmal: Wir stellen im Blick auf unsere endgültige Zukunft die wichtige Frage: „Was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?“ Jesus antwortet darauf letztlich: Es ist keinem Menschen möglich, so vollkommen die Gebote zu halten beziehungs­weise so vollkommen Gott und den Nächsten zu lieben, dass man dafür das ewige Leben im Himmel als Lohn erwarten kann. Ver­abschieden wir uns von dieser Illusion, denn das ist vollkommen unmöglich! Aber das heißt nicht, dass unsere Zukunft uns unweigerlich Tod und Verdammnis bringen muss. Denn was Menschen nicht möglich ist, das ist Gott möglich. Gott ist allmächtig, darum kann er alles. Was nun unser ewiges Leben anbetrifft, so kann er es uns nicht nur er erwerben, sondern er will es auch, tut es auch, und hat es getan: Dazu war Gottes Sohn in die Welt gekommen, dass er stell­vertretend für uns vollkommmen gut lebte und schließlich den Tod auf sich nahm, den wir verdient haben. Darauf können wir uns verlassen, und darauf sollen wir uns auch verlassen; nichts anderes ist der selig machende Glaube. Was also sollen wir Gutes tun, damit wir das ewige Leben haben? Gar nichts – denn Jesus hat schon alles Gute getan, was für unsere Seligkeit nötig ist. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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