Die Goldene Regel

Predigt über Matthäus 7,12 zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Robinson Crusoe lebte lange Zeit einsam auf einer Insel; er war ganz auf sich gestellt. Robinson tat das not­gedrungen, weil er nach einem Schiffbruch dort gestrandet war. Der Mönch Antonius lebte ebenfalls viele Jahre lang in der Einsamkeit; er war ein Einsiedler, ein Eremit. Im Gegensatz zu Robinson tat Antonius das freiwillg, weil er meinte, auf diese Weise Gott näher zu sein. Robinson und Antonius sind Ausnahmen, denn die meisten Menschen leben in Gemein­schaft. Keinen Kontakt mit anderen zu haben ist weder normal noch angenehm noch eigentlich gottgewollt. Für uns und die große Mehrheit unserer Zeitgenossen ist es auch gar nicht möglich, anders zu leben; wir sind darauf angewiesen, dass andere für uns da sind, und wir sollen auch für sie da sein. Ganz auf uns allein gestellt, würden wir kaum genug Nahrung finden; wir würden auch keine vernünftige Bekleidung und Wohnung haben, ganz zu schweigen vom elektrischem Strom und medi­zinischer Versorgung. Gott sagte bei der Erschaffung des Menschen: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18) – das gilt nicht nur für die Ehe, sondern für das menschliche Leben ganz allgemein.

Wenn Menschen gut und friedlich zusammen­leben wollen, brauchen sie Regeln. Das leuchtet jedem ein. Darum hat jede Form von Gemeinschaft bestimmte Regeln: die Familie, die Schule, die Haus­gemein­schaft und das ganze Volk. Regeln sind wichtig, damit das Zusammen­leben gelingt. Man stelle sich zum Beispiel nur das Chaos im Straßen­verkehr vor, wenn es nicht die Regel gäbe, auf der rechten Seite der Fahrbahn zu fahren! Manche Leute meinen nun: Wenn Regeln gut und wichtig sind, dann lasst uns möglichst viele davon aufstellen. Sie glauben, dass viel auch viel hilft. So haben etwa die Gesetze unseres Staates im Lauf der Zeit unzählige dicke Bücher gefüllt; sogar ein studierter Rechts­wissenschaft­ler kann sie gar nicht alle kennen. Geht es uns deswegen aber wirklich besser? Schaffen viele Ordnungen wirklich viel Ordnung? Das muss man bezweifeln. Schon Martin Luther meinte: „Es ist noch nie eine Gemeinschaft wohl regiert worden, wo viele Gesetze gewesen sind“, und er kam zu dem Schluss: „Mit je weniger Gesetzen ein Gemeinwesen regiert wird, desto glücklicher ist es.“ Es würde unserm Volk sehr gut tun, wenn es anstelle unzähliger unwichtiger Regeln und Gesetze einfach nur die Zehn Gebote beachtete. Das sind zehn klare und grundlegende Regeln, die schon Kinder auswendig lernen und verstehen können. Aber selbst die Zehn Gebote lassen sich noch zusammen­fassen. Jesus lehrte, dass Gottes gesamter Wille für uns im Doppelgebot der Liebe enthalten ist: Wir sollen erstens Gott mehr als alles andere lieben, und zweitens sollen wir unsere Mitmenschen lieben wie uns selbst. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18), so steht es bereits im Alten Testament. Jesus hat diese Regel auch am Ende seiner Bergpredigt aufgegriffen und sie so ausgelegt: „Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Wenn alle Leute das immer beherzigen würden, dann bräuchten wir kaum anderen Regeln für das Zusammen­leben. Darum ist das Prinzip der Nächsten­liebe das höchste und beste aller Gesetze. Es kann dafür sorgen, dass sich das meiste im menschlichen Miteinander von selbst reguliert. Man nennt dieses Prinzip darum auch Goldene Regel. Wir finden sie im Alten und im Neuen Testament, darüber hinaus aber auch in vielen anderen Quellen. Es ist nicht so, dass Gott uns die Goldene Regel erst offenbaren müsste, er braucht uns nur an sie zu erinnern. Denn diese Goldene Regel ist allen Menschen bereits ins Gewissen geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Darum finden wir ähnliche Sätze auch in alten Kulturen, die nicht vom Judentum oder Christentum geprägt waren. Immer geht es um den leicht verständ­lichen Grundsatz: Behandle andere Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest. Viele Religionen, Welt­anschauungen und Philosophien lehren diesen Grundsatz. Dem Philosophen Immanuel Kant ist es mit seinem berühmten Katego­rischen Imperativ gelungen, die Goldene Regel in Gelehrten­sprache zu formulieren; er lehrte: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Leichter verständlich reimt der Volksmund: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Die Goldene Regel lässt sich speziell auf die ver­schiedensten Lebens­bereiche anwenden, unter anderem auch auf das Zusammen­leben in einer Wohn­gemein­schaft. Da kann es dann zum Beispiel heißen: „Jeder hinterlasse die Küche so, wie er sie selbst gern vorfinden möchte.“

Die Goldene Regel ist altbekannt, sie ist klar, sie ist allgemein akzeptiert, sie ist jedem Menschen von Gott ins Gewissen geschrieben. Da stellt sich Frage: Warum wird sie dann so wenig befolgt? So wenig, dass die Menschen meinen, das Zusammen­leben mit Bergen von weiteren Vorschriften ordnen zu müsssen? Drei Dinge sind es, die der Goldenen Regel in die Quere kommen – nicht nur bei den anderen, sondern auch bei mir, bei jedem von uns: Un­verständnis, Unwilligkeit und Unfähigkeit.

Erstens ist da das Un­verständnis: Wir verstehen die Bedürfnisse des Nächsten zu wenig, um ihm wirklich das geben zu können, was ihm gut tut. Der irische Satiriker George Bernhard Shaw hat deshalb die Goldene Regel ironisch verneint und gesagt: „Behandle andere nicht, wie du möchtest, dass sie dich behandeln; ihr Geschmack könnte nicht derselbe sein.“ Es könnte zum Beispiel sein, dass ein Mitglied einer Wohn­gemein­schaft es liebt, wenn die Küche nach Kohl und Knoblauch riecht, aber wennn er die Küche ohne zu Lüften mit dieser Duftnote hinterlässt, macht er seinen Mitbewohnern unter Umständen keine Freude damit. Damit die Goldene Regel so gelingt, wie sie gemeint ist, müssen wir uns schon die Mühe machen und uns in den Nächsten hinein­versetzen. Das fällt oft schwer, besonders, wenn der Nächste einen ganz anderen Geschmack und Charakter hat oder wenn er in einem fremden Kulturkreis aufgewachsen ist. Auch beim besten Willen gibt es immer wieder Pannen und Miss­verständnis­se bei der praktischen Anwendung der Goldenen Regel; sie sind dem Un­verständnis geschuldet.

Zweitens ist da die Unwillig­keit. Wir können auch sagen: die Selbstsucht oder der Egoismus. Wenn ich nur mir selbst der Nächste bin, dann werde ich den wahren Nächsten nicht mehr so lieben wie mich selbst. Die Selbstsucht betrifft nicht immer nur einen einzelnen Menschen, sondern kann auch mehrere betreffen. Da hat ein Elternpaar nie Zeit für seine Kinder, weil es seine Freizeit zu zweit genießen will. Oder da meinen manche Deutschen, dass es vor allen Dingen den Deutschen gut gehen soll, und es ist ihnen egal, wie es um Ausländer und fremde Völker steht. Meistens stellen wir uns Egoisten als böse und gemeine Menschen vor, die sich mit ihren Ellenbogen stets vordrängeln. Dabei sollten wir nicht übersehen, dass der Egoismus auch eine Folge von Angst ist: Der Egoist hat Angst, zu kurz zu kommen und in Not zu geraten, deshalb gönnt er sich selbst viel und dem Nächsten wenig. Im Grunde traut der Egoist Gott nicht zu, dass der ihn schon mit allem Nötigen versorgen wird. Diese Art von ängstlichem Egoismus wohnt in jedem menschlichen Herzen und übertönt oft unwillig die Stimme des Gewissens, die uns die Goldene Regel in Erinnerung ruft: „Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“

Drittens ist da die Unfähigkeit. Als Christen wissen wir, dass wir uns von unserem Egoismus abkehren und Jesus nachfolgen sollen, und wir wollen das auch von ganzem Herzen tun. Trotzdem müssen wir immer wieder feststellen, dass wir dazu unfähig sind. Es geht uns so wie dem Apostel Paulus, der seufzte: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7,19). Wenn wir ehrlich und selbst­kritisch genug sind, merken wir im Alltag immer wieder, wie wir die Goldene Regel missachten. Das liegt an der Erbsünde, an dem grund­legenden Verhängnis des menschlichen Herzens. Weil das so ist, hilft es nicht, dass wir guten Willen zeigen und uns mehr Mühe geben; wenn wir das für Buße hielten, würden wir die Bibel miss­verstehen. Nein, wir sind von uns aus unfähig, den Nächsten zu lieben. Wenn etwas besser werden soll, dann muss ein anderer uns helfen und unser böses Herz verändern. Dieser andere ist unser Herr Jesus Christus. Er hat uns die Goldene Regel nicht nur vorgehalten, sondern er hat sie uns auch vorgelebt und vorgelitten – bis hin zu seinem Tod am Kreuz. Von dort – und nur von dort! – kommt Gottes bedingungs­lose Liebe und Gottes Kraft, die uns befähigt, selbst zu lieben. Das ist freilich eine Botschaft, die uns nicht ins Gewissen geschrieben ist und die nicht in allen Religionen, Kulturen und Philosophien vorkommt; diese frohe Botschaft offenbart uns nur Jesus Christus und sein Wort in der Bibel. Für dieses erlösende Evangelium wollen wir ihm am allermeisten dankbar sein – mehr noch als für alle guten Regeln und Gebote, die er uns gegeben hat. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2015.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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