Hören und behalten

Predigt über Offenbarung 1,3 zum 1. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Ich habe eine gute Nachricht für alle Schüler: In einem Monat beginnen die Sommer­ferien. Wie gut haben es doch die Schüler: sechs Wochen lang Urlaub machen, ausschlafen, faulenzen, schwimmen gehen, lesen und Spaß haben! Natürlich muss man diese gute Nachricht auch wahrnehmen und sich danach richten. Wer am ersten Ferientag wie immer früh aufsteht und zur Schule eilt, der wird ein langes Gesicht machen und erkennen, dass er offen­sichtlich etwas Wichtiges nicht mitgekriegt hat. Aber diejenigen, die Ferien einfach genießen, sind glücklich. In biblischer Redeweise könnte man sagen: Selig sind die Schüler, die da Ferien haben!

Diese Selig­preisung steht zwar nicht in der Bibel, dafür aber viele andere. Am bekanntesten sind die zehn Selig­preisungen am Anfang der Bergpredigt. Da sagte Jesus zum Beispiel: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtig­keit, denn sie sollen satt werden“ (Matth. 5,6). Auch schon im Alten Testament gibt Selig­preisungen, vor allem in den Psalmen. Ein paar Beispiele: „Selig sind alle, die auf den Herrn trauen“ (Psalm 2,12); oder: „Selig ist, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet“ (Psalm 32,2); oder: „Selig ist das Volk, dessen Gott der Herr ist“ (Psalm 33,12). Auch im letzten Buch der Bibel finden wir Selig­preisungen, in der Offenbarung des Johannes. Unser Predigttext ist die erste davon: „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.“

Habt ihr gut zugehört? Einer liest, und mehrere hören zu. So war das früher im Gottes­dienst, und so ist es auch heute noch: Einer liest aus der Bibel vor, und die Gemeinde hört zu. Hoffentlich. Die „Worte der Weissagung“, die im Gottesdienst vorgelesen werden, findet man nicht nur im Buch der Offenbarung, sondern in der ganzen Bibel. Es sind ganz besondere Worte; es sind heilige Worte; es ist Gottes Wort. Gottes Wort enthält vor allem eine gute Nachricht – tausendmal besser als die Sommerferien-Nachricht. Es ist die beste Nachricht die es gibt. „Evangelium“ heißt sie. Sie lautet so: Niemand muss mehr verzagen, denn Gott ruft alle Menschen zu sich, dass sie seine Kinder sein sollen. Niemand braucht zu befürchten, dass er zu schlecht dafür ist, denn Jesus hat am Kreuz die Schuld aller Menschen beseitigt. Alle, die getauft sind und an Jesus glauben, können ganz sicher sein, dass sie zu Gott gehören und dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Wie gut hat es jeder Pastor und jeder Lektor, der Gottes gute Nachricht aus der Bibel vorlesen darf. Und wie gut haben es die Gemeinde­glieder im Gottes­dienst, dass sie diese gute Nachricht hören dürfen. Ja, „selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und…“

Habt ihr wirklich gut zugehört? Wisst ihr noch, wieder Satz weitergeht? „…die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist…“ Das ist ganz wichtig: Dass wir Gottes Wort nicht nur mit unseren Ohren hören, sondern dass wir es auch behalten. Darum hat Jesus nach der Auferstehung seinen Jüngern aufgetragen: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matth. 28,20). Und der Apostel Jakobus hat gemahnt: „Seid Täter des Wortes, nich nur Hörer!“ (Jak. 1,22) Und im Lukas­evangelium finden wir die Selig­preisung: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren!“ (Lukas 11,28) Und im allerletzten Kapitel der Bibel sagt Jesus noch einmal: „Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt!“ (Offb. 22,7) Wer Gottes gute Nachricht nicht hört und nicht bewahrt, der gleicht einem Schüler, der aus Gewohnheit in den Sommerferien zur Schule gehen will.

Was bedeutet das denn aber genau – halten und bewahren? Als erstes natürlich, dass wir’s nicht wieder vergessen. Darum ist es gut, wenn man wichtige Bibelworte auswendig lernt – zum Beispiel den Satz aus dem Johannes-Evangelium, der Gottes gute Nachricht wunderbar zusammen­fasst: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16). „Halten“ bedeutet aber auch, dass wir uns nach Gottes Wort richten. Das gilt nicht nur für die Zehn Gebote und die Nächsten­liebe, sondern das gilt ganz besonders auch für Jesu Aufforderung zum Glauben und zum Beten und zum Abendmahl-Feiern. „Tut solches zu meinem Gedächtnis“, hat er bei der Einsetzung des Abendmahls gesagt; diese Worte sollen wir nicht nur hören und auswendig kennen, sondern vor allen Dingen befolgen. Und schließlich heißt halten auch, dass wir durch alle Durst­strecken hindurch am Glauben festhalten bis an unser Lebensende.

Unsere schöne Selig­preisung aus der Offenbarung des Johannes schließt mit dem Zusatz: „… denn die Zeit ist nahe.“ Zwar weiß niemand, wann der Herr Jesus Christus sichtbar wiederkommt und uns in den Himmel holt, aber es kann jederzeit so weit sein, vielleicht schon morgen.

Kennt ihr den Spruch vom Apfel­bäumchen? Er geht so: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfel­bäumchen pflanzen.“ Viele Leute denken, dass dieser Spruch von Martin Luther stammt, aber das stimmt nicht. Es wäre auch merkwürdig, wenn Luther so einen dämlichen Spruch gemacht hätte. Was soll denn ein neuer Apfelbaum, wenn morgen die Welt untergeht und ich dann für immer in Gottes Paradies leben darf – mit Bäumen und Früchten so herrlich, wie man sie sich in unserer Welt überhaupt nicht vorstellen kann? Da wäre es doch wirklich eine vergebliche Mühe, noch ein Apfel­bäumchen zu pflanzen! Das wäre geradezu so, als würde man am Ferienanfang noch zur Schule gehen! Aber vielleicht will der Spruch ja etwas anderes sagen, etwa dies: Bis irgendwann ganz unverhofft das Weltende kommt, will ich nicht faul und untätig bleiben, sondern mich nützlich machen – Gott und anderen und letztlich auch mir selbst zur Freude. Dabei will ich aber nie vergessen, dass Jesus schon morgen wiederkommen kann. Seht, aus diesem Grund endet unsere Selig­preisung mit den Worten: „… denn die Zeit ist nahe.“ Es ist so, also wollte Gott uns damit sagen: Auch wenn du heute dein Apfel­bäumchen pflanzt, denke daran, dass vielleicht schon morgen der Herr Jesus Christus wiederkommt.

Luther hat zwar nicht den Spruch mit dem Apfel­bäumchen gesagt, aber er hat tatsächlich manchmal von Äpfeln und Obstbäumen gesprochen. So können wir bei ihm lernen, dass Gottes Wort ein Same ist, so wie ein Apfelkern, und dass daraus der Glaube in unseren Herzen wächst. Der bringt dann köstliche Früchte der Liebe hervor. Gottes Wort hören und behalten – das ist nichts anderes als ein guter Boden sein für Gottes Wort. Denn „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2018.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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