Der Anfang vom Anfang

Predigt über 1. Mose 1,1-5a zum 1. Advent

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Advent heißt „Ankunft“. Ankunft von was? Wir können sagen: Ankunft des Lichts. Die erste Kerze am Adventskranz ist angezündet, weitere werden folgen, und zu Weihnachten strahlen dann die vielen Kerzen am Weihnachts­baum: Ankunft des Lichts. Jesus ist das Licht der Welt, und zu Weihnachten feiern wir die Ankunft Jesu in der Welt. Die Adventszeit richtet unsern Blick aber auch in die Zunkft, auf Jesu Wiederkommen mit Herrlichkeit am Ende der Welt. Ja, auch das ist Ankunft des Lichts – des großen Glanzes der ewigen Seligkeit für alle, die zu Jesus gehören. So denken wir in der Adventszeit mit der Ankunft des Lichts sowohl an den Anfang als auch an das Ziel unserer Erlösung.

Lasst uns heute aber noch weiter zurückgehen – bis hin zum Anfang vom Anfang der Welt. Schon da hat Gott ja unsere Erlösung beschlossen und hat sie dann durch die Welt­geschichte voran­getrieben. Gönnen wir uns am Anfang des Kirchenjahrs also einen Blick auf den Anfang der Bibel, auf die ersten Sätze des Schöpfungs­berichts.

Das allererste Wort der Bibel lautet: „Am Anfang“. Damit ist nicht der Anfang von allem gemeint, sondern nur der Anfang der materiellen Welt, die wir wahrnehmen, also der Anfang von „Himmel und Erde“ im Sinne von Weltall und Globus. Einer war da bereits da – war schon immer da und wird immer da sein: Gott, der das A und das O ist, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.

Als ersten Satz lesen wir in der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist zugleich die Hauptaussage des ganzen Schöpfungs­berichts und gewisser­maßen seine Überschrift: „Gott schuf.“ Unsere Welt hat sich nicht selbst ins Leben gerufen und auch nicht selbst­ständig zu immer kom­plizierten Dingen und Lebewesen organisiert, wie viele Menschen unserer Zeit annehmen (und sie erliegen dabei häufig dem Irrtum, als sei das eine wissen­schaftlich bewiesene Tatsache). Unsere Welt ist auch nicht das Gemeinschafts­werk vieler göttlicher Wesen, die als leuchtende Himmels­körper von oben auf den Erdkreis herabschauen und ihn zum Kampfplatz ihrer gegen­sätzlichen Macht­interessen machen, wie es viele heidnische Völker in biblischen Zeiten geglaubt haben. Nein, vielmehr schuf der eine wahre Gott die Welt nach seinem Willen und Plan – der Gott der Bibel, der Vater unsers Herrn Jesus Christus.

In den folgenden Versen steht geschrieben, wie Gott die Welt schuf. Er schuf sie in sechs Tagen und ruhte am siebten Tag, heißt es da. Er schuf sie ohne Ausgangs­material aus dem Nichts, allein durch sein Wort. Und er schuf die ver­schiedenen Dinge und Geschöpfe wohlgeordnet in einer bestimmten Reihenfolge. Dieser Bericht von der Entstehung der Welt ist so klar und einfach, dass Menschen aller Zeiten und Kulturen ihn verstehen können; sogar Kinder­garten­kindern kann man ihn erzählen. Zugleich wirft dieser Bericht jedoch eine Reihe von Fragen und Problemen auf, sodass heute sogar viele Christen an seiner Glaub­würdigkeit zweifeln. Vor allem wenn man die Erkenntnisse der modernen Wissen­schaften diesem Bericht gegenüber­stellt, stellt sich die Frage: Wie ist es denn wirklich gewesen, als die Welt entstand?

Auf diese Frage muss ich eine Antwort geben, die vielen nicht gefallen wird, sowohl bibeltreuen Christen nicht als auch denen, die sich nur auf wissen­schaftliche Aussagen verlassen. Also: Wie ist es wirklich gewesen? Meine Antwort: Niemand weiß es, niemand kann es wissen. Das liegt ganz einfach daran, dass die Entstehung der Welt etwas Einzig­artiges war. Wir haben nie etwas Ent­sprechendes erlebt; wir können es mit unserer Lebens­erfahrung nicht nach­vollziehen, wir können es auch nicht mit wissen­schaftlichen Experimenten nachstellen. Mit dem Anfang der Welt ist es so ähnlich wie mit ihrem Ziel: Auch da kann sich niemand wirklich vorstellen, wie das sein wird, wenn Christus wiederkommt und die Seinen zu sich in den Himmel holt. Wenn wir wissen wollen, wie es am Anfang wirklich gewesen ist, dann gleichen wir Blinden, die Farben erkennen wollen. Diese Erkenntnis mag ernüchternd und enttäuschend sein, aber wie es bei der Schöpfung wirklich gewesen ist, kann tatsächlich niemand verstehen und erklären. Vielmehr müssen wir uns hier zu Herzen nehmen, was der Apostel Paulus und vor ihm der weise König Salomo gesagt hat: „Haltet euch nicht selbst für klug!“ (Römer 12,16; vgl. Spr. 3,7).

Ein Blind­geborener kann niemals erkennen, was Farben sind, er kann sich ihnen nur mit Vergleichen annähern. Man kann ihm zum Beispiel sagen: Mit den Farben ist es wie mit den Tönen; da gibt es helle und dunkle. Wenn Natur­wissenschaft­ler über die Entstehung der Welt reden, dann gleichen auch sie Blinden, die sich mühsam von einem Modell zum andern vortasten und dabei oft genug erleben, dass sie sich geirrt haben. Darum ändern sich die natur­wissenschaft­lichen Aussagen zur Welt­entstehung häufig, je nach Erkenntnis­stand und Weltbild. Gott dagegen ist der Sehende, der die Blinden aller Zeiten an die Hand nimmt und sagt: Ich will euch einen kleinen Einblick geben in das unfassliche Wunder der Schöpfung; ich will es euch mit einfachen Worten und an­schaulichen Bildern erzählen, damit ihr wenigstens etwas davon erfassen könnt. Seht, das tut Gott mit dem Schöpfungs­bericht, und er tut es seit mehreren tausend Jahren unverändert mit denselben Worten. Besser, wahrer und klarer kann man nicht von der Entstehung der Welt reden. Darum: Wenn ich wissen will, wie die Welt entstanden ist, und vor allem, wer sie gemacht hat, dann halte ich mich schlicht und einfach an diese wunderbaren Worte.

Der zweite Satz des Schöpfungs­berichts beginnt so: „Und die Erde war wüst und leer.“ In der hebräischen Original­sprache stehen für „wüst und leer“ die Worte „tohu wa bohu“. Auch wer kein Hebräisch kann, kennt diese Worte: Wenn irgendwo ein Chaos oder eine große Unordnung herrscht, dann nennen wir das ein „Tohu­wabohu“. Bevor Gott die Welt erschuf, war an ihrer Stelle völlige Unordnung, völliges Chaos. Nichts hatte feste Grenzen, nichts fing irgendwo an oder hörte irgendwo auf, nicht einmal die Zeit. Das Wesen der Schöpfung ist Ordnung und Struktur; die waren da noch nicht materiell vorhanden, sondern nur in Gottes Geist. Aber Gottes Geist brütete über diesem Chaos etwas aus, über dieser un­ergründ­lichen Tiefe, über dieser un­definier­baren „Urflut“, wie die Bibel es auch nennt: „Und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“

Gott der Heilige Geist ist Gottes Botschafter. Er re­präsentiert hier Gottes Plan und Willen, die dem Anfangs-Chaos mitgeteilt werden. Die allererste Mitteilung lautet so: „Und Gott sprach: Es werde Licht.“ Gottes Plan wird umgesetzt, Gottes Wort verwirklicht sich, und eine erste Struktur zeigt sich im dunklen Chaos: „Und es ward Licht.“ Was war das für ein Licht? Es gab ja noch keine Himmels­körper und noch keine Lampen. Hier hilft uns die moderne Physik zu verstehen, was mit diesem Anfangs-Licht gemeint ist. Wir wissen heute, dass Licht aus elektro­magnetischen Wellen besteht. Licht ist im Prinzip dasselbe wie Radiowellen oder wie Röntgen­strahlen. Normaler­weise bewegen sich diese Wellen mit un­vorstellbar hoher Geschwindig­keit fort; sie könnten in einer einzigen Sekunde siebenmal den Erdball umrunden. Aber es kann auch geschehen, dass diese Wellen auf kleinstem Raum Kreise ziehen beziehungs­weise auf der Stelle treten; dann bekommen sie Masse, werden sie zu Teilchen, Stoffen und Dingen. Mit anderen Worten: Alles in der Welt besteht gewisser­maßen aus elektro­magnetischen Wellen, aus Energie, quasi aus Licht. Wenn man das bedenkt, kann man nur staunen über die große Weisheit des Schöpfungs­berichts, der uns schlicht erklärt, dass alles mit der Erschaffung des Lichts begonnen hat. Übrigens ist der Begriff „elektro­magnetische Wellen“ wissen­schaftlich auch nicht viel präziser als der Begriff „Licht“. Die modernen Physiker sprechen lieber von Quanten, können aber letztlich nicht sagen, wie die aussehen und woraus sie bestehen. Wie gesagt: Alle Menschen können vom Ursprund aller Dinge nur so reden wie ein Blinder von der Farbe.

Es würde den Rahmen einer Predigt bei weitem sprengen, über die geniale Struktur der Quanten, Atome und Moleküle zu sprechen. Ich kann nur sagen: Gott hat hier einen universalem Baukasten erfunden und hergestellt, der alle menschlichen Erfindungen in den Schatten stellt. Und so nicken wir überwältigt mit dem Kopf, sagen ja und amen, wenn Gott sein erstes Schöpfungs­werk beurteilt: „Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Und dann betont der Schöpfungs­bericht anhand des Lichts noch einmal, dass das Wesen der Schöpfung klare Unter­scheidung, Ordnung und Struktur ist, das Gegenteil von Tohuwabohu: „Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“

Der erste der sieben Schöpfungs­tage ist zu unserem ersten Wochentag geworden, zum Anfang der Woche, zum Sonntag. An diesem Tag hat Gott seinen Sohn Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihn damit zum Erstling seiner neuen Schöfpung gemacht, des neuen Himmels und der neuen Erde. Dorthin werden wir unserm Herrn nachfolgen durch Tod und Auf­erstehung. Ob diese neue Schöpfung ebenfalls aus Quanten und Atomen besteht oder aus einer ganz neuen Art von Licht und Materie, wissen wir nicht. Aber wir können gewiss sein: Wie am Anfang Gott das Licht erschaffen hat und wie er in der Mitte der Zeiten seinen Sohn als Licht in die Welt schickte, so werden wir am Ziel unserer Lebensreise auch das großen Licht von Gottes Neuanfang erleben. Und dann wird keine Sünde mehr dazwischen kommen und uns die Freude an Gottes guter Schöpfung trüben. Lasst uns heute auch daran denken – am Anfang der Woche und am Anfang eines neuen Kirchen­jahrs. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2015.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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